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Antike Vorläufer von Aquaponics – die Azteken als Überlebenskünstler

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Mit diesem Artikel bewegen wir uns gedanklich für einen Augenblick in das 10.150 Kilometer entfernte Mexico City. Wir reisen allerdings nicht nur geografisch, sondern auch chronologisch in eine andere Dimension. Grob gesprochen befinden wir uns im frühen 14. Jahrhundert. Zugegebenermaßen, obwohl ich selbst bereits in Mexiko war, wusste ich jetzt auch nicht ad hoc, was dort, zu dieser Zeit genau passiert ist, geschweige denn, warum gerade Mexiko in diesem Zusammenhang sogar die Wiege des Aquaponics darstellen könnte. Eine kurze Recherche im Internet hat mir sehr geholfen zu verstehen, dass wir, wenn wir heute Aquaponics als Teil modernen Urban Farmings sehen, die Welt keinesfalls neu erfinden.
Ein geschichtliches Update für euch in aller Kürze: es waren die Azteken, welche der Legende nach ihre erste Stadt, an einem Ort namens Tenochtitlán am Ufer des Texcoco Sees gründeten. Überliefert wird in der Geschichte so, dass dies nämlich an jenem Ort geschah, wo sie einen Adler erblickten, der eine Schlange auf einem Kaktus verspeist. Genau diese Situation, mit der damit verbundenen Wahl ihres zukünftigen Lebensmittelpunktes, wurde ihnen von einem ihrer Götter so prophezeit. Gesehen – getan: die Azteken ließen sie sich nieder und wurden sesshaft.
Die Szene mit dem Adler und der Schlange war derartig wichtig in der Geschichte, dass sie, wie viele von euch vielleicht wissen, heute noch die mexikanische Nationalflagge ziert. Kein Wunder, steht diese ja für die erste Besiedelung Mexikos durch die Azteken, den letzten Ureinwohnern vor der Eroberung durch die Spanier. Für mich persönlich stellt diese Szene allerdings aus einem ganz bestimmten Grund einen tollen und interessanten Bezug zu Urban Farming in der heutigen Zeit dar. Warum das so ist, möchte ich euch am Ende des Artikels zeigen.
Grundsätzlich war der See, der Tenochtitlán (so hieß die Stadt in früheren Zeiten) umgab, ein vielversprechendes Zeichen für die Gründung einer Stadt. Das einzige Problem, das es mit diesem schicksalhaften Ort (übrigens wie generell in Mexico, das habe ich mir von meiner Tour durch Mexiko noch gemerkt) gab: wenig bis gar keine fruchtbare Fläche, um Ackerbau der herkömmlichen Art betreiben zu können. Für die Azteken gab es eine einzige Möglichkeit, an dieser Stelle zu überleben: sie mussten lernen, das Wasser, das sie umgab, für sich zu nutzen.

Die Urform des Aquaponics – Die Geburtsstunde der Chinampas
Die Azteken dürften vermutlich nicht die ersten gewesen sein, die erkannten, dass der schlammige Untergrund des Texcoco Sees hervorragend als Dünger beziehungsweise als Growing Medium eingesetzt werden kann. Sie waren es aber jedenfalls, die das System der Nutzung der Fläche des Wassers in Kombination mit dem nährstoffhaltigen Schlamms des Sees perfektioniert hatten. Nachdem der See reich an Fischen war, deren Ausscheidungen den Boden erst so fruchtbar machten, würde ich, wie in der Überschrift angedeutet, sogar so weit gehen, diesen beinahe geschlossenen Kreislauf als das erstes auqaponisches System der Geschichte zu bezeichnen.

Wie funktioniert dieser Kreislauf?
Die Lösung liegt in einer Art Hochbeet, welches sich direkt auf dem Wasser befindet, den sogenannten „Chinampas“. Diese Ackerflächen ermöglichen es durch ihren Aufbau, dass das Saatgut immer ideal befeuchtet ist: Zu viel Regenwasser wird, ähnlich einer Drainage, direkt in den See geleitet, durch welchen die Pflanzen während einer Trockenperiode wiederum optimal mit Wasser versorgt werden. Oftmals werdet ihr im Internet unter dem Begriff „Chinampas“ auch die Erklärung „schwimmende Inseln“ finden. Dieses Attribut dieser „Inseln“ ist allerdings falsch. Warum? Weil Chinampas selbst eigentlich gar nicht schwimmen. Sehen wir uns dazu den Aufbau dieser aztekischen Äcker einmal genauer an. Sechs Schritte sind es, bis ein Chinampa enststeht.
Schritt 1: Finden. Das Finden einer seichten Stelle im Wasser bildet die Grundlage eines Chinampas. Mit Flößen bewegten sich die Azteken auf dem Wasser, mit Stöcken wurde nach geeigneten Stellen gesucht, welche im Idealfall nahe zum Ufer gelegen sind und durch natürliche Aufschüttungen die Grundlage für ein Chinampa bildeten. Diese unter Wasser gelegene Anhäufung wurde als „Cimiento“ bezeichnet.
Schritt 2: Abgrenzen. Die Stelle wurde mit vielen kleinen Ästen, die senkrecht aus dem Wasser ragten, abgesteckt. Da diese Stöcke aus dem Wasser ragten, wurde das zukünftige Feld auch gleich abgesteckt.
Schritt 3: Aufschütten. Rund um die zukünftige Anbaufläche wurde nun Schlamm vom Boden des Sees geschaufelt und aufgeschichtet.
Schritt 4: Verstärken. Zwischen den Schlammschichten wurden, einerseits zur Verstärkung, andererseits um die Fruchtbarkeit noch mehr zu erhöhen, Seegras und Schilf, eingearbeitet. Ihr könnte euch das am besten wie den Stahl im Stahlbeton der heutigen Zeit vorstellen.
Schritt 5: Finale Schicht. Die letzte Schicht war abermals eine Schicht Schlamm vom Untergrund des Sees.
Schritt 6: Dekoration. Zum Schluss wurden an die äußeren Kanten der Chinampas Weiden gepflanzt. Auch hier haben sich die Azteken etwas dabei gedacht. Einerseits dienten die Weiden dem ganzen Konstrukt zur Stabilisierung. Dadurch, dass die Weide viel tiefer als das angebaute Saatgut wurzelt, war es aber keine unmittelbare Konkurrenz hinsichtlich der Nährstoffe. Auch lichttechnisch war der Weidebaum die ideale Besetzung: Durch den schmalen Wuchs war gewährleistet, dass die angebauten Pflanzen auch genügend Licht erhielten.
Chinampas in Zahlen
Nachdem die Grundvoraussetzung zur Errichtung eine seichte Stelle im See war, wurden die Chinampas tendenziell parallel zum Ufer gebaut. Stellt euch am besten ein Rechteck vor, welches bis zu einem Meter aus dem Boden ragt, 100 Meter oder mehr lang ist (das ist jene Seite, die parallel zu Ufer verläuft) und dabei eine Breite (hin zur Seemitte) von ca. 10-25 Metern erreicht.
Der fruchtbare Boden und das Klima machen es möglich, bis zu vier Mal im Jahr zu ernten, dadurch konnte die Hälfte bis zwei Drittel der damaligen Bevölkerung Tenochtitláns, welche bis zu 200.000 Einwohner zählte, mit frischem Gemüse versorgt werden. Manchmal werdet ihr auf anderen Blogs lesen, dass die Anzahl jener Menschen, die zur damaligen Zeit mit Nahrung versorgt wurden, zwei Millionen war. Diese Zahl kann nicht stimmen, da die Einwohnerzahl Tenochtitláns selbst zu ihrer Blütezeit nicht mehr als 300.000 Menschen zählte. (vgl. Esser et al., 2004, S.460)

Die besondere Bedeutung der Chinampas
Ich habe eingangs erwähnt, warum die Chinampas und deren Entstehung an sich so eine hohe Bedeutung im Bezug auf das moderne Urban Farming haben. Hier mein Konnex zwischen Antike, einer gegebenen Situation und adäquatem Verhalten:
Die Erscheinung des Adlers mit der Schlange, wenn man der Legende Glauben schenken möchte, nach dem die Azteken Ausschau hielten, entstand durch absoluten Zufall. Dennoch entschieden sich die Azteken, ihre Stadt an jenem Ort zu errichten, ohne sich vorher dafür interessiert zu haben, ob es langfristig möglich sein wird, die Bevölkerung vor Ort zu ernähren (und somit am Leben zu erhalten). Nachdem die Azteken weder das Rad, noch das Verwenden von Lasttieren als Transportmittel kannten, mussten sie sich darauf verlassen, dass die Nahrungsversorgung regional gewährleistet werden konnte. Dass die Azteken, mit ihren ins Wasser gebauten, künstlich geschaffenen Äckern eine bestehende Situation bestmöglich genutzt haben, sehe ich als perfekten Brückenschlag zu unserer heutigen Zeit und dem Urban Farming: Wir wohnen in Städten, die sich so entwickelt haben, wie sie nun mal jetzt so sind. (Unsere Stadt stellt somit den Adler mit der Schlange dar). Jegliche Entwicklung von Urban Farming wäre somit ein analoges Verhalten, wie es die Azteken demonstriert haben: Wir machen das Beste aus einer gegebenen Situation.
Heutige Verwendung der probaten Methode
Für alle unter euch, die nach meinem philosophischen Ausrutscher noch dabei sind: es gibt in unserer Zeit auch ganz praktische Gründe, wie unter anderem die niedrigen Errichtungskosten, warum in der heutigen Zeit noch Chinampas gebaut werden.
Ein gutes Beispiel ist Bangladesch. Dies zeigt ein Schweizer Projekt namens Helvetas. Gerade in Ländern, die wie dieses asiatische Land, einerseits wirtschaftlich noch nicht so entwickelt sind und andererseits durch Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel Auswirkungen des Klimawandels, stärker betroffen sind, bieten die antiken Hochbeete eine günstige und auch ökologisch sinnvolle Alternative zur konventionellen Landwirtschaft. Das einzige, was die Menschen benötigen, ist eine Wasserstelle, die über sechs Monate im Jahr das Wasser hält und gleichzeitig mit Wasserhyazinthen (das ist eine Wasserpflanze, die so stark wächst, dass sie in Afrika Ende der 90er Jahre beinahe den Viktoria See erstickt hätte) bewachsen ist. Die schwimmenden Beete dürfen in diesem Fall auch wirklich so genannt werden, da diese einzig und allein aus miteinander verwobenen Wasserhyazinthen bestehen, die anschließend auf dem Wasser treiben. Statt dem Schlamm, den die Azteken vom Grund des Sees benutzten werden in der heutigen Zeit kompostierte Hyazinthen verwendet (dies sieht so aus, wie der Schlamm, besteht aber nur aus dem Pflanzen). Für Bauern aus Bangladesch, die mit dieser Methode arbeiten, bedeutet dies einen zeitlichen Gewinn von zwei bis drei Wochen, der dadurch entsteht, dass eine Zeit lang unabhängig vom Regen ihre Pflanzen kultivieren können. Stichwort Pflanzen: angebaut kann so ziemlich alles werden. Von Paradeisern über Bohnen, Wasserspinat und Amaranth bietet der schwimmende Acker den perfekten Untergrund.
Naja, dann wissen wir ja bereits, wie wir die Algen aus der alten Donau im Sommer 2016 sinnvoll verwenden können ☺

Quellen:
https://sidewalksprouts.wordpress.com/history/international-history-of-urban-ag/tenochtitlan/
https://schwarmfarmkarlsruhe.wordpress.com/edible/schwimmgarten/chinampas-mexico/
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/oekologische-katastrophe-der-victoriasee-kippt-um-a-51135.html

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Alexander Munda

Alex "Lexi" Munda hasst das Konzept von Tierhaltung, weil er selber so Viech ist - Er lebt eingesperrt bei seiner Freundin, darf nur alle 3 Tage das Haus zum Einkaufen verlassen - aber heimlich am Klo blog schreiben geht noch so grade.

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